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Rede zum Neujahrsempfang 2020 von Bürgermeister Robert Fischer | 08.01.2020

Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Gäste,

 

haben Sie zum Jahreswechsel auf Twitter die Nachricht von Donald Trump gelesen, dass im Jahr 2029 auf unserer Erde ein Meteorit aufschlagen wird. Wo genau, ließe sich noch nicht exakt sagen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass er im Mittelmeerraum einschlage, sei groß. Die Gefahr sei sehr real. Der Vesuv könnte ähnlich aktiv werden, wie vor knapp zwei Jahrhunderten der Vulkan Tambora in Indonesien.

 

Sie wissen was damals folgte. Das Jahr ohne Sommer, Hungersnöte und eine globale Klimaveränderung. Dann würde die Temperatur auf der Erde um ca. 5° fallen. Wir bräuchten deshalb keine Angst vor einer zukünftigen Erderwärmung, welche uns böse Mächte einreden wollen, haben.

 

Glücklicherweise ist diese Nachricht falsch und frei erfunden. Aber waren Sie sich von Anfang an ganz sicher?

Der Wissenschaftsjournalist Jean Pütz sagte in dem Interview, aus welchem das Zitat auf der Einladung zu diesem Neujahrsempfang stammt, er hielte es für möglich, „wenn ein Populist einen Gesetzesantrag stellen würde, die Schwerkraft abzuschaffen, dass diesen viele unterstützen würden.“ Er sagte ferner, dass wir in einer „postfaktischen Welt lebten in der alles verquatscht würde und Politiker fast alles behaupten könnten.“

 

In der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 30. Dezember des letzten Jahres war folgende Schlagzeile: Immer weniger Betriebe bilden aus. Nur noch 20 % der Betriebe in Deutschland. Deshalb fehlten der Wirtschaft die Facharbeiter. Eine Politikerin forderte deshalb: Es müsse eine Ausbildungsumlage für alle Betriebe und ein Rechtsanspruch auf Ausbildung eingeführt werden.

 

Hört sich gut an. Ausbildung ist wichtig.

Hintergrund ist allerdings, dass derzeit 60.000 Lehrstellen unbesetzt bleiben, weil es die Bewerber dazu gar nicht gibt.

Halten wir solche Meldungen deshalb für glaubwürdig, weil wir zu pessimistisch denken?

 

Der schwedische Gesundheitsforscher Hans Rosling setzt in seinem Buch „Factfulness“, (Wirklichkeit, Gegebenheit) auf Fakten und räumt mit Meinungen auf. Wie sehen wir die Welt und wie ist die Wirklichkeit?

 

Vor 200 Jahren betrug die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit 30 Jahre. Wie hoch ist diese heute?

·50 Jahre ·60 Jahre ·70 Jahre?

 

Im Weltdurchschnitt gingen Männer, die heute zwischen 25 und 34 Jahre alt sind, 8 Jahre lang zur Schule. Wie viele Jahre gingen die Frauen in der gleichen Altersgruppe zur Schule? ·3 Jahre ·5 Jahre ·7 Jahre?

 

Wie veränderte sich von 1990 bis 2010 der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung?

·fast verdoppelt. ·im Großen und Ganzen nicht verändert. ·fast halbiert?

Wenn wir uns auf unser Weltbild stützen, kommen wir leicht auf die zutreffenden Antworten.

 

Ein Thema kann ich Ihnen heute auch nicht ersparen. Klimaschutz. Was war das doch für ein furchtbares Ergebnis bei der Weltklimakonferenz in Madrid. Brasilien schützt den Regenwald nicht. Australien schützt seine Kohlenbarone und von den USA brauchen wir, solange Trump regiert, nichts erwarten.

 

In einer Kolumne hat der Spiegeljournalist Alexander Neubacher die Frage aufgeworfen, warum nicht alle so vorbildlich denken wie wir. Was können wir tun damit die nächste Klimakonferenz bessere Ergebnisse liefert?

 

Er versuchte diese Frage mit der Betrachtung, wie die Menschen in diesen Ländern unser Verhalten sehen, zu beantworten.

 

Die Amerikaner wären wohl erstaunt, dass die klimasensiblen Deutschen demnächst ihre Atomkraftwerke abschalten, obwohl diese nicht nur sicher, sondern auch nahezu CO2 frei sind. In den USA hingegen arbeiten dutzende Tech-Firmen an Konzepten für neue Reaktoren. Der Weltklimarat lobt den Ansatz!

 

Aus Sicht der australischen Kohlebarone käme es uns schräg vor, dass in der brandenburgischen Kleinstadt Ketzin/Havel eine Versuchsanlage zur CO2-Abscheidung an Kohlekraftwerken dichtgemacht wurde. Die Grünen hatten die Anlage bekämpft.

Australien steckt Hunderte Millionen Dollar in die Erforschung der Technologie, ohne die es laut Weltklimarat nicht gehen wird.

 

Als Bolsonaro Wähler, ich zitiere noch immer aus der Spiegelkolumne, würden wir uns wundern, wie panisch Deutsche reagieren, sobald das Stichwort „grüne Gentechnik“ fällt. Dieses Thema ist in Deutschland politisch erledigt. Dabei empfiehlt der Weltklimarat mehr Offenheit, etwa die Züchtung von Pflanzen, die mit weniger Dünger und Pestiziden mehr Erträge bringen, wie in Brasilien.

 

 

Alexander Neubacher nennt Deutschlands Auftreten in der Klimapolitik darum dünkelhaft. Er wirft die Frage auf, ob tatsächlich nicht wir das Problem sind, solange wir die Empfehlungen des Weltklimarates ignorieren.

 

Liebe Gäste,

apropos Weltklimakonferenz. Warum gibt man den indigenen Völkern im Lithium-Dreieck Argentinien-Chile-Bolivien dort kein Rederecht um von der Zerstörung ihres Lebensraumes durch die Lithiumabbauverfahren berichten zu können:

Clemente Flores, der Wortführer von 33 Gemeinden in einem der  Abbaugebiete hat für Europa folgende Botschaft: „Der Abbau von Lithium für Europa und der Wechsel zum Elektroauto wird unsere Gemeinden und unsere Landschaft umbringen. Und bisher kannten wir hier keine Autos. Schon gar keine Elektroautos – die kennen wir nur vom Foto. Ihr glaubt, damit könnt ihr die Menschheit retten, aber ihr werdet uns alle umbringen.“

 

Vielleicht sollte man auch die Menschen einschließlich der ausgebeuteten Kinder aus dem Kongo zu Wort kommen lassen,

welche unter furchtbaren und lebensgefährlichen Bedingungen Kobalt abbauen müssen.

Ihnen könnten wir leichter glauben, dass nicht nur ihre Träume, sondern vor allem ihre Jugend zerstört werden, damit wir unseren Bedarf an Edelmetallen zur Produktion von Batteriespeichern decken können.

 

Der Ulmer Professor für Datenbanken und künstliche Intelligenz Franz Josef Radermacher nennt unsere globale Ökonomie wörtlich „ein Plündersystem in vielen Dimensionen.“

Er zeigt jedoch auch Lösungsmöglichkeiten durch weltweite Zusammenarbeit beim Klimaschutz auf.

 

Radermacher hält neue Technologien für erforderlich, um die weltweiten Energie- und Klimaprobleme zu lösen. Er setzt dabei auf die Kombination von CO2 Kompensation, „Nature-based solutions“ wie die konsequente Aufforstung ausgelaugter Böden in den Tropen und die Umrüstung der Landwirtschaft in Richtung zu verstärkter Humusbildung.

Als dritte und seiner Meinung nach wichtigste Säule nennt er klimaneutrale, hocheffiziente synthetische Kraftstoffe.

 

Auffallend ist, dass in keiner der beschriebenen Lösungen unser derzeitiger Aktionismus zum Klimaschutz eine Rolle spielt.

 

Ich will die Folgen eines Klimawandels nicht kleinreden. Sondern ich will dafür werben, dass wir uns informieren, dass wir auf die Interessen anderer Völker Rücksicht nehmen und mit Vernunft und Rationalität, wie es Jean Pütz sagt, den Populismus zurückdrängen.

 

Nun werden Sie zu Recht fragen, ob auch die Gemeinde Kreßberg einen Beitrag zum Klimaschutz leistet.

 

Seit 2013 haben wir ein Klimaschutzkonzept!

Nicht auf Hochglanz gedruckt und auch nicht mit einem symbolischen Klimaschutzmanager.

 

Bereits vorher ermöglichten wir mit unseren ausleihbaren E-Bikes vielen Bürgerinnen und Bürgern den Test und die Entscheidung für diese Technologie. Aus dem gleichen Grund haben wir das E-Auto als Car-Sharing Projekt vor dem Rathaus platziert.

 

Bei Gebäude- und Anlagensanierungen achten wir auf Energieeffizienz. Auf vielen Gebäuden sind Photovoltaikanlagen installiert.

 

Wir betreiben ein Gasblockheizkraftwerk, deren bei der Stromproduktion anfallende Wärme im Sommer das Waldfreibad Bergertshofen und im Winter die Betriebsräume der Kläranlage Riegelbach beheizt.

 

Mit unserem Streuobstkonzept haben wir schon vor Jahren angefangen, Obstbaumbestände zu erhalten und für das Pflanzen junger Bäume zu werben.

 

Wir beteiligen uns an einem Förderprogramm des Landes, das zwei Baumschnitte innerhalb von 5 Jahren mit insgesamt 30,00 € je Baum fördert.

 

Bei Aufforstungen in unseren Waldgrundstücken pflanzen wir nicht nur Modebäume, sondern z.B. auch Robinien. Deren Blüte fällt in eine Zeit, wo die Bienen ansonsten wenig Nahrung finden.

 

Die Erschließung mit Erdgas in unserem Gemeindegebiet ist ein langfristiger Beitrag zum Klimaschutz. Diese Infrastruktur kann später auch die von Professor Radermacher angesprochenen klimaneutralen synthetischen Energieträger transportieren.

 

Sicherlich können wir noch viel zum Schutz unseres Klimas tun. Wichtig ist jedoch, dass wir dies nicht in einzelnen Projekten, sondern in unserer alltäglichen Arbeit tun.

 

Und dann können wir auch zuversichtlich auf das vor uns liegende Jahr 2020 blicken. Denn den Menschen auf der Erde ist auch in der Vergangenheit schon viel Gutes gelungen.

 

Die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit beträgt heute nicht nur 50 oder 60, sondern 70 Jahre.

 

Im Weltdurchschnitt gingen die Frauen, die heute zwischen 25 und 34 Jahre alt sind, nicht nur 3 und auch nicht nur 5, sondern 7 Jahre zur Schule

 

Von 1990 bis 2010 hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung glücklicherweise weder fast verdoppelt noch im Großen und Ganzen nicht verändert, sondern fast halbiert.

 

Liebe Gäste,

 

zum Schluss meiner Ansprache danke ich allen ehrenamtlich Tätigen für ihre wichtige und unverzichtbare Arbeit zugunsten der Gemeinde Kreßberg, in der Freiwilligen Feuerwehr Kreßberg, in der Schule am Kreßberg, in den Kirchengemeinden und in unseren lebendigen Vereinen.

 

Ich danke unseren Gemeinderätinnen und Gemeinderäten für ihre engagierte Arbeit.

 

Ein besonderer Dank geht an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinde Kreßberg.

Sie leisten eine hervorragende und vorbildliche Arbeit und haben immer die Interessen der Gemeinde Kreßberg und den Schutz des Klimas loyal im Blick.

 

Liebe Gäste, sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen allen, an welcher Position, in welchem Amt oder bei welcher Tätigkeit Sie auch immer aktiv sind, dass Sie unsere Gemeinde und unser Gemeinwesen im vergangenen Jahr unterstützt haben.

 

Ich danke unseren Abgeordneten und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der übergeordneten Behörden für die Unterstützung unserer Gemeinde. Ich bedanke mich auch bei unseren Nachbarkommunen für die angenehme und konstruktive Zusammenarbeit.

 

Ich wünsche mir, dass wir diese vielfältige Unterstützung und Zusammenarbeit an welcher Stelle auch immer auch bei den Herausforderungen des Jahres 2020 erfahren dürfen.

 

Ich wünsche Ihnen ein gutes und erfolgreiches Jahr 2020 mit viel Gesundheit, beruflichem Erfolg und dem notwendigen Glück, dass Sie alle Ihre Ziele erreichen.