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Ansprache zum Volkstrauertag 2019 von Bürgermeister Robert Fischer | 18.11.2019

 

Am heutigen Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen.

Gerade heute, wo rechte Kräfte, welche sogar durch demokratische Wahlen in unserem Bundestag und vielen Länderparlamenten sitzen, die dunklen Seiten der Deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen, ist es wichtig, sich zu erinnern!

 

Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Deshalb verdient es jede Geschichte, erzählt zu werden, und jedes Opfer verdient es, dass man sich seiner erinnert.

 

Am Morgen des 1. September 1939 verkündete Hitler: „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!“

Damit begann der Zweite Weltkrieg.

Warum begann der Krieg mit einer Lüge über den Gegner? Warum musste im allerersten Satz zum Krieg mit einer Lüge unterstrichen werden, dass die Anderen Schuld sind?

 Im Krieg schauen wir dem Anderen nicht mehr in die Augen. Meistens jedenfalls. Vielleicht gibt es das, dass wir Krieg führen zur Verteidigung, und dabei nicht die Fähigkeit verlieren, dem Gegner in die Augen zu schauen und zu weinen über die Gewalt, die wir ihm antun müssen.

 

Vielleicht. Ich bezweifle, ob es tatsächlich einen Krieg gibt, der mit Feindesliebe geführt wird.

Der Krieg, der am 1. September 1939 begann, war mit Sicherheit kein solcher Krieg.

 

Wenn schon die Begründung für diesen Krieg eine Lüge ist, welche die Anderen zu den Bösen macht, ist das sicher ein böser Krieg, der den Gegner als Mitmenschen nicht mehr ernst nimmt.

 

Das tat die ganze Ideologie der Nationalsozialisten grundsätzlich. In der Rassenideologie waren die Polen, die Slawen keine Mitmenschen für das Führervolk der nordisch-germanischen Deutschen, sondern ein Sklavenvolk.

Juden galten als Schädlinge von Geburt an, die zu vernichten seien. Es war, und zwar wörtlich per Befehl, der SS verboten, menschliche Gefühle gegenüber den Häftlingen der Konzentrationslager zu haben.

 

Der Krieg war gebaut auf einer riesigen Lüge. Es stimmt nicht, dass die Anderen keine Mitmenschen sind, keine liebenswerten Schwestern und Brüder.

 

Der ehemalige erste Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz wurde nach dem Krieg beim Kriegsverbrecherprozess in Warschau vom Staatsanwalt gefragt, ob er denn nie Gewissensbisse gehabt habe.

Er antwortete, anfangs nicht, aber später doch. Und er schilderte Szenen, die er nie vergessen konnte: Frauen, die ihn anschauten, Kinder, die spielten.

 

Er konnte seine eigene Frau und Kinder nicht mehr anschauen, ohne daran zu denken. Und was tut er? Er verdrängt diese Herausforderung an sein Gewissen und macht weiter mit dem Massenmord. Sonst hätte er sein Leben radikal ändern müssen.

 

In diesem Jahr blicken wir besonders auf unser Nachbarland Polen.

Vor etwas mehr als 80 Jahren überfiel Deutschland Polen. Als Tag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mag dieses Datum noch geläufig sein. Doch was in den Jahren der anschließenden Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum bewusst.

 

Das polnische Leid war unvorstellbar. Die Polen wurden in der Nazi-Rassenideologie als minderwertige Rasse betrachtet. Sie sollten als Sklavenvolk gehalten und ihr Land als Lebensraum für Deutsche genutzt werden.

 

Gleich nach dem Überfall wurde begonnen, tausende Angehörige der polnischen Eliten systematisch umzubringen. Die Deutschen führten eine Schreckensherrschaft voller Willkür, Terror und Gewalt über das polnische Volk.

 

Vertreibungen, Plünderungen, Massaker, Verschleppung von Zwangsarbeitern und hemmungslose materielle Ausbeutung waren allgegenwärtig.

Die jüdische Bevölkerung Polens wurde in Ghettos zusammengetrieben und später dann nahezu vollständig ausgelöscht.

Polen wurde als Ort für die industrielle Vernichtung des europäischen Judentums missbraucht – fernab von den Augen der deutschen Bevölkerung errichteten die Nazis ihre Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek, Kulmhof, Bełżec, Treblinka und Sobibór.

 

Das Eingeständnis der eigenen Schuld und Verantwortung, sei es individuell oder als deutsche Nation, war ein langer, ausgesprochen schmerzhafter Prozess. Nach und nach fanden unzählige Geschichten ans Licht und ins kollektive Bewusstsein – Geschichten millionenfacher und unmenschlicher, entsetzlicher Gräuel, Geschichten schier unfassbarer Tragödien, aber auch Geschichten des stillen oder offenen Widerstands.

 

Dass wir inzwischen in der Aufarbeitung unserer eigenen Nazi-Vergangenheit, die wahrlich kein Fliegenschiss ist, so weit gekommen sind, ist nicht etwa eine Schande, sondern etwas, worauf wir stolz sein können.

 

In Polen gibt es wohl keine Familie, die nicht vom Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzung betroffen war. Die frische Erinnerung an die grauenhaften Geschehnisse der NS-Zeit und auch die Teilung Europas nach 1945 ließen eine deutsch-polnische Versöhnung schwierig erscheinen.

 

Bewegung kam zuerst aus kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Kreisen. Unvergessen der 1965 noch völlig unerhörte Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ im Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder.

 

Unvergessen die ersten Fahrten der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz. Die Ostpolitik Willy Brandts öffnete neue Türen. Doch erst nach den demokratischen Umbrüchen in Polen und dem Ende der Teilung Deutschlands und Europas vor 30 Jahren konnte auch die politische Versöhnung, basierend auf dem deutsch-polnischen Grenzvertrag und dem Nachbarschaftsvertrag, wirklich gelingen.

 

Dass wir in der Versöhnung mit unseren polnischen Nachbarn aber auch mit den anderen Nationen in Europa so weit gekommen sind, sollte uns mit großer Dankbarkeit erfüllen.

Heute leben wir mit ihnen in eng verwobener Partnerschaft im geeinten Europa zusammen. Wir haben einen regen grenzüberschreitenden Austausch, ein großes Netz an wirtschaftlichen, freundschaftlichen und familiären Verbindungen.

 

Umso mehr müssen wir auf der Hut sein und die Warnsignale unserer Gegenwart ernst nehmen. Es ist kein böser Traum, sondern Realität, dass im Jahr 2019, 80 Jahre nach dem brutalen Überfall auf unser Nachbarland Polen, Politiker von einem Viertel der Wähler in ein Parlament gewählt werden, welche die Meinungsfreiheit missbrauchen um Tabus zu brechen und Tatsachen zu relativieren.

 

Moralische Grenzen werden verschoben. Aus verbaler Gewalt wurde mittlerweile tatsächliche Gewalt, wie bei dem heimtückischen Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir leben in einer guten demokratischen Staatsform. Aber diese müssen wir verteidigen. Deshalb sind wir heute Morgen auch hier zusammengekommen. Wir erinnern heute an die Opfer von Kriegen, Terror, Gewaltherrschaft und Rassenhass um daraus für unsere Zukunft unsere Schlüsse zu ziehen.

 

Gestern vor 8 Tagen war der 9. November. Dieser Tag im November steht für ein vielfaches Erinnern.

Er steht für den Aufbruch in die erste deutsche Demokratie, für die Ausrufung der Republik vor gut einem Jahrhundert. Aber der 9. November erinnert auch an die Zerstörung dieser ersten Demokratie, an den Absturz in die Barbarei, an brennende Synagogen, an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.

 

Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt am Brandenburger Tor an diesem Tag eine bemerkenswerte Rede aus Anlass des 30. Jahrestages der Öffnung der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs. Ich möchte gerne einige Passagen daraus zitieren.

Er sprach von der Verantwortung, welche aus unserer Vergangenheit erwächst im Zusammenhang mit dem Anschlag von Halle: Zitat:

Spätestens, allerspätestens nach dem Anschlag von Halle haben hoffentlich alle in diesem Land begriffen: Die Jahre vergehen, die Vergangenheit rückt in die Ferne – ja. Aber das "Nie wieder", der Kampf gegen Rassenhass und Antisemitismus, diese Verantwortung vergeht nicht! Zitatende

 

Über den Zusammenhalt in unserem Land sagte er:

„Wenn wir uns mit Dankbarkeit, mit Tränen in den Augen, an die Mutigen (das Volk das 1989 auf die Straße ging) von damals erinnern, dann können wir doch nicht gleichzeitig dabei zugucken, wie das, was sie erkämpft haben, in Vergessenheit gerät. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird!

Jeder und jede in unserem Land, kann etwas dafür tun. Denn Zusammenhalt, den kann man nicht von oben verordnen. Zusammen hält, wer zusammen tut. Also tun wir was! Ziehen wir uns nicht zurück hinter Mauern und in Echokammern. Sondern streiten wir für diese Demokratie!

 

Ich denke, diesen Appell unseres Bundespräsidenten sollten wir nicht nur am heutigen Volkstrauertag, sondern das ganze Jahr über ernst nehmen und ihm auch folgen.

 

Damit ehren wir auch die Opfer, derer wir heute gedenken. Ihr Tod muss uns auch in der Zukunft Mahnung sein, dass wir für die Einheit, die Freiheit und auch die Demokratie kämpfen müssen. Dies können wir jedoch nur, wenn wir uns nicht hinter Mauern und in Echokammern zurückziehen.

 

Es lohnt sich für diese Demokratie zu streiten und die Botschaft der vielen Millionen Opfer von Kriegen, Terror, Hass, Willkür, Gewalt und Diktatur, derer wir heute gedenken, in Erinnerung zu behalten.

 

Dafür sind wir heute hier zusammengekommen.