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Gedanken zum Volkstrauertag 2020 von Bürgermeister Robert Fischer | 11.11.2020

Öffentliches Gedenken für die Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen ist am Volkstrauertag im Jahr 2020 nicht möglich. Die Covid 19 Pandemie lässt es nicht zu.

 

Gerade in der jetzigen Zeit, wo rechte Kräfte, welche sogar durch demokratische Wahlen in unserem Bundestag und vielen Länderparlamenten sitzen, die dunklen Seiten der Deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen, ist es wichtig, sich zu erinnern!

 

Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Deshalb verdient es jede Geschichte, erzählt zu werden, und jedes Opfer verdient es, dass man sich seiner erinnert.

 

Am Morgen des 1. September 1939 verkündete Hitler: „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!“

 

So begann der Zweite Weltkrieg.

 

Warum begann der Krieg mit einer Lüge über den Gegner? Warum musste im allerersten Satz zum Krieg mit einer Lüge unterstrichen werden, dass die Anderen Schuld sind?

 

Im Krieg schauen wir dem Anderen nicht mehr in die Augen. Meistens jedenfalls. Vielleicht gibt es das, dass wir Krieg führen zur Verteidigung, und dabei nicht die Fähigkeit verlieren, dem Gegner in die Augen zu schauen und zu weinen über die Gewalt, die wir ihm antun müssen.

 

Vielleicht. Ich bezweifle, ob es tatsächlich einen Krieg gibt, der mit Feindesliebe geführt wird. Der Krieg, der am 1. September 1939 begann, war mit Sicherheit kein solcher Krieg.

 

Wenn schon die Begründung für diesen Krieg eine Lüge ist, welche die Anderen zu den Bösen macht, ist das sicher ein böser Krieg, der den Gegner als Mitmenschen nicht mehr ernst nimmt.

 

Das tat die ganze Ideologie der Nationalsozialisten grundsätzlich. In der Rassenideologie waren die Polen, die Slawen keine Mitmenschen für das „Führervolk der nordisch-germanischen Deutschen“, sondern ein Sklavenvolk.

 

Juden galten als „Schädlinge von Geburt an,“ die zu vernichten seien. Es war, und zwar wörtlich per Befehl, der SS verboten, menschliche Gefühle gegenüber den Häftlingen der Konzentrationslager zu haben.

 

Dieser Krieg war gebaut auf einer riesigen Lüge. Es stimmt nicht, dass die Anderen keine Mitmenschen sind, keine liebenswerten Schwestern und Brüder.

 

Der ehemalige erste Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz wurde nach dem Krieg beim Kriegsverbrecherprozess in Warschau vom Staatsanwalt gefragt, ob er denn nie Gewissensbisse gehabt habe.

 

Er antwortete, anfangs nicht, aber später doch. Und er schilderte Szenen, die er nie vergessen konnte: Frauen, die ihn anschauten, Kinder, die spielten.

 

Er konnte seine eigene Frau und seine Kinder nicht mehr anschauen, ohne daran zu denken. Und was tut er? Er verdrängt diese Herausforderung an sein Gewissen und macht weiter mit dem Massenmord. Sonst hätte er sein Leben radikal ändern müssen.

 

Das Eingeständnis der eigenen Schuld und Verantwortung, sei es individuell oder als deutsche Nation, war ein langer, ausgesprochen schmerzhafter Prozess. Nach und nach fanden unzählige Geschichten ans Licht und ins kollektive Bewusstsein – Geschichten millionenfacher und unmenschlicher, entsetzlicher Gräuel, Geschichten schier unfassbarer Tragödien, aber auch Geschichten des stillen oder offenen Widerstands.

 

Dass wir inzwischen in der Aufarbeitung unserer eigenen Nazi-Vergangenheit, die wahrlich kein „Fliegenschiss“ ist, so weit gekommen sind, ist nicht etwa eine Schande, sondern etwas, worauf wir stolz sein können.

 

Heute leben wir in eng verwobener Partnerschaft im geeinten Europa zusammen. Wir haben einen regen grenzüberschreitenden Austausch, ein großes Netz an wirtschaftlichen, freundschaftlichen und familiären Verbindungen.

 

Umso mehr müssen wir auf der Hut sein und die Warnsignale unserer Gegenwart ernst nehmen. Es ist kein böser Traum, sondern Realität, dass in den letzten Jahren von bis zu einem Viertel der Wähler in Parlamente Politiker gewählt wurden, welche die demokratischen Rechte wie die Meinungsfreiheit missbrauchen um Tabus zu brechen und Tatsachen zu relativieren.

 

Moralische Grenzen werden verschoben. Aus verbaler Gewalt wird tatsächliche Gewalt, wie bei dem heimtückischen Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten.

 

Wir leben in einer guten demokratischen Staatsform. Aber diese müssen wir verteidigen. Deshalb müssen wir uns auch weiterhin an die Opfer von Kriegen, Terror, Gewaltherrschaft und Rassenhass erinnern um daraus für unsere Zukunft unsere Schlüsse zu ziehen.

 

Auch der 9. November ist ein besonderes Datum. Dieser Tag steht für ein vielfaches Erinnern.

 

Er steht für den Aufbruch in die erste deutsche Demokratie, für die Ausrufung der Ersten Republik. Aber der 9. November erinnert auch an die Zerstörung dieser ersten Demokratie, an den Absturz in die Barbarei, an brennende Synagogen, an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden.

 

Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt aus Anlass des 30. Jahrestags der Öffnung der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs am Brandenburger Tor eine bemerkenswerte Rede. Ich möchte gerne einige Passagen daraus zitieren.

 

Er sprach von der Verantwortung, welche aus unserer Vergangenheit erwächst im Zusammenhang mit dem Anschlag von Halle:

 

Er sagte damals: „Spätestens, allerspätestens nach dem Anschlag von Halle haben hoffentlich alle in diesem Land begriffen: Die Jahre vergehen, die Vergangenheit rückt in die Ferne – ja. Aber das "Nie wieder", der Kampf gegen Rassenhass und Antisemitismus, diese Verantwortung vergeht nicht!“

 

Über den Zusammenhalt in unserem Land sagte er:

 „Wenn wir uns mit Dankbarkeit, mit Tränen in den Augen, an die Mutigen (das Volk, das 1989 auf die Straße ging) von damals erinnern, dann können wir doch nicht gleichzeitig dabei zugucken, wie das, was sie erkämpft haben, in Vergessenheit gerät. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden, dass die Demokratie verhöhnt, dass der Zusammenhalt in diesem Land zerstört wird!

 

Jeder und jede in unserem Land, kann etwas dafür tun. Denn Zusammenhalt, den kann man nicht von oben verordnen. Zusammen hält, wer zusammen tut. Also tun wir was! Ziehen wir uns nicht zurück hinter Mauern und in Echokammern. Sondern streiten wir für diese Demokratie!“

 

Ich denke, diesen Appell unseres Bundespräsidenten sollten wir nicht nur am alljährlichen Volkstrauertag, sondern das ganze Jahr über ernst nehmen und ihm auch folgen.

 

Damit ehren wir auch die Opfer, derer wir am Volkstrauertag gedenken. Ihr Tod muss uns auch in der Zukunft Mahnung sein, dass wir für die Einheit, die Freiheit und auch die Demokratie kämpfen müssen. Dies können wir jedoch nur, wenn wir uns nicht hinter Mauern und in Echokammern zurückziehen.

 

Es lohnt sich für diese Demokratie zu streiten und die Botschaft der vielen Millionen Opfer von Kriegen, Terror, Hass, Willkür, Gewalt und Diktatur, in Erinnerung zu behalten.